Blaues Brot – die Zukunft der menschlichen Handwerkskunst

Berlin, June 2019 by Eliza Helmerich
Blaues Brot – die Zukunft der menschlichen Handwerkskunst

Die Kunst des Brotbackens

Warum ich als Designerin einen Artikel über das Brotbacken schreiben wollte, liegt ganz einfach daran, dass die Kunst des Brotbackens in der Vergangenheit meiner Familie verankert ist. Mein Großvater, Heinz Vogel, war Künstler, Meisterbäcker und Konditor und führte ein Café in Würzburg, Unterfranken. Seine Arbeit hat mich von Kind auf geprägt und bis heute schätze ich, dass er mit seinen beiden Tätigkeiten versucht hat Kreativität, Tradition und Qualität im Alltag zu vereinen und zu bewahren, denn im Vergleich zu vielen Berufen auf dem heutigen Arbeitsmarkt gehen viele dieser lebenswerten Arbeitsphilosophien verloren.

Backwaren, die maschinell hergestellt, eingefroren und beim sogenannten Back Shop nur noch aufgebacken werden, erinnern mich auch an die Art und Weise wie Gebrauchsgeschirr industriell gegossen, glasiert und gebrannt wird. Beide Herstellungsverfahren, Brot Backen sowie Keramik Brennen – feiern eine uralte Handwerkskunst, die sich an 100% natürlichen Rohstoffen der Erde bedient und sich mit den Elementen Wasser, Feuer und Luft paart. Die industrielle Produktion schafft zwar viele Vorteile, aber oft keinen Mehrwert, da die Produkte immer an Charme, Einzigartigkeit und Wert verlieren. Wohingegen handgedrehtes Keramik Geschirr oder echtes Handwerksbrot immer etwas wertvolles und menschliches innewohnt.

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Heinz Vogel, Künstler und Bäckermeister

Wabi Sabi Brot und Kintsugi

In der japanischen Philosophie des  Wabi Sabi symbolisiert ein von Hand gefertigter oder reparierter Gegenstand mit Rissen, Dellen, Unebenheiten und Flicken keinen Fehler, sondern ein Qualitätsmerkmal, das nicht verachtet, sondern gefeiert wird. Dabei geht es um die Akzeptanz unserer eigenen Unvollkommenheit als Mensch und von allem auf der Welt, denn alles befindet sich in einem ständigen Fluss der Verwandlung. Ein Stein wird zu Staub, ein Mensch zu Erde, Mehl zu Brot und Ton zu Geschirr. Wabi Sabi wohnt auch dem Brotbacken und dem Keramikdrehen inne und will uns bewusst machen, dass die Zukunft unserer schöpferischen Kraft unterliegt, denn sie entsteht in jedem Augenblick aufs neue und so können wir ihr jeden Augenblick eine neue Ausrichtung geben.

So bin ich viele Jahre später zurück zum Brotbacken gekommen, als ich im Ausland feststellte, dass es an der Zeit ist mein eigenes Brot zu backen. Denn das Brot wie ich es kenne und liebe, gibt es so in anderen Kulturen und Ländern gar nicht. Bis ich 19 Jahre alt war glaubte ich naiverweise, dass alle Menschen das knusprige Schwarzbrot, Frankenlaib, Sauerteigbrot (z. B. von Domberger Brot Werk) oder zumindest ein Roggenbrot kennen. Umso interessanter war es, die Vielfalt an Zubereitungsmöglichkeiten und Qualitätsunterschiede von Brot zu entdecken und dabei zu erkennen, dass die Kunst des Brotbackens eine lebenswichtige Gemeinsamkeit vieler Kulturen ist und Brot für die Menschen immer als Grundnahrungsmittel gelten wird.

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Marguerite Wildenhain, Bauhaus Keramikerin

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Ai WeiWei “Dropping a Han Dynasty Urn”

»Mein Leben als Töpferin hat mich gelehrt, wie kurzlebig die Werte von Zeit- und Modeströmungen, von Kunstpreisen und Erfolgen sind. Publizität und Rampenlicht sind so flüchtig wie Wolken, aber ein gutes Gefäß wird Jahrhunderte überdauern, weil es wesentlich ist, gesund und rein in seiner Zweckmäßigkeit, seiner echten Schönheit, und besonders deshalb, weil es der unteilbare, unverderbliche und vollständige Ausdruck eines menschlichen Wesens ist.«
– Marguerite Wildenhain, Bauhaus Keramikerin

Brot der Zukunft – die Realität mal anders sehen

Der herrliche Duft von frisch gebackenem Brot weckt viele Sinne und darum habe ich mich gefragt, welche Sinne und Gefühle durch einfaches Brot backen noch geweckt werden könnten. Nach so vielen Jahren als treuer Alltagsbegleiter kann das Brot nach meinem Geschmack etwas Farbe vertragen und die Vorstellung eines morgens aufzuwachen und das Brot auf dem Frühstückstisch mal ganz anders zu sehen, so wie ich es noch nie zuvor gesehen habe, schien mir gerade das richtige Experiment zu sein. Mir kam der Gedanke farbiges Brot zu backen und zwar in einer Farbe, die ich im Essen eigentlich schon immer als künstlich vehement abgelehnt habe, nämlich die Farbe Blau.

Weil ich manchmal gerne meine eigenen Vorurteile und Ängste entlarve, war es mir natürlich wichtig ein natürliches blaues Farbpulver zu finden. So bin ich auf die blaue Mikroalge Spirulina gestoßen, die kräftig kobaltblau ist und zugleich gesund sei. Spirulina soll Alterungsprozesse verlangsamen, das Immunsystem stärken und somit vor Virusinfektionen und Krebs schützen. Also ein 100% natürliches Blaualgenbrot mit Superkräften – genau das richtige in Covid-19 Zeiten und für unsere Zukunft, in der man vermutlich blau essen wird.

Back to the Future wurde die Idee Blaualgen Brot backen auch gleich mit meiner koreanischen Schwiegermutter verwirklicht, die seit über 30 Jahren jede Woche ihr eigenes Brot backt. Laut meiner Schwiegermutter ist Brotbacken ganz einfach, darum habe ich unten ihr DIY Brot Rezept veröffentlicht. Mir persönlich hat das Garnieren des blauen Spirulinabrotes auf einem handgefertigten Steingut Teller besonders viel Spass gemacht.

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Photography, Kerstin Mueller

Blaues Spirulina Brot Rezept

Die Nachfrage nach Qualitätsbrot und hochwertigen Backwaren ohne künstliche Zutaten steigt zum Glück seit einigen Jahren wieder an. Besonders liegt das Sauerteigbrot im Trend, doch das folgende Rezept ist ein ganz einfaches Brotrezept mit Hefe ohne Sauerteig Anstellgut, das laut meiner Schwiegermutter immer gelingt. Die Spirulina Mikroalge ist übrigens vollkommen geschmacksneutral, das heißt das Brot riecht und schmeckt so lecker wie immer.

_Zutaten

500g Dinkelmehl
200g Weizenmehl alternativ Buchweizen oder Vollkornmehl
½ Frische Hefe Würfel oder 1 Pkg Trockenhefe
1 TL Salz
350 – 400 ml Wasser
2-3 EL Leinsamen, Chiasamen, Sonnenblumenkerne oder Haferflocken
1 TL Blaues Spirulina Pulver

_Zubereitung

5 Min. Teig Kneten und mit einem Tuch abdecken
2 Std. an einem warmen Ort ruhen lassen
Brotbackform z.B. Kastenform fetten
175 – 220 C° Ober-/Unterhitze
Ofen vorheizen
50-60 min Backzeit
1-2 x Brot im Ofen mit Wasser bestreichen

_Anleitung

1. Mehl, Hefe, Salz, Sonnenblumenkerne mit einem Teelöffel Spirulinapulver vermengen.

2. Zutaten mit reduzierter lauwarmer Wassermenge verkneten. Je nach Konsistenz nach und nach das zurückbehaltene Wasser untermischen.

3. Teig fünf Minuten kneten und zwei Stunden an einem relativ warmen Ort ruhen lassen.

4. Den Backofen auf ca. 220°C Ober-/Unterhitze ausreichend lang vorheizen.

5. Den Teig mit etwas Mehl zu einem runden Laib formen oder in eine Kastenform legen.

6. Insgesamt ca. 45-50 Minuten backen. Nach 40 Minuten die Temperatur auf 175°C reduzieren. Für eine knusprige Kruste während der letzten 5 Backminuten die Ofentür einen Spalt breit geöffnet lassen.

7. Das Brot herausholen und auf einem Gitterrost abkühlen lassen.

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Image taken at Lobe Block, Berlin

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